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Angetestet: OS X 10.7 Lion

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Erste Eindrücke von Apples neuem Betriebssystem
Wo Licht ist, da ist auch Schatten. OS X 10.7 glänzt mit vielen neuen Features und Verbesserungen, aber es gibt auch einige Änderungen, die nicht jedem Anwender gefallen werden. Lion markiert eine deutliche Trendwende in Apples Firmenpolitik. Es bricht mit alten Traditionen und stösst neue Türen auf. Ich konnte das Upgrade seit der ersten Preview testen und schildere Ihnen in diesem Special meine bisherigen Erfahrungen damit - aus rein persönlicher Sicht, ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit.

Neue Grosskatze schon erstaunlich diszipliniert
Die gestern von Apple als Golden Master an die Entwickler verteilte Version dürfte weitestgehend dem entsprechen, was in Kürze auf Millionen Mac-User losgelassen wird. Da bereits die ersten Builds von Lion verblüffend stabil liefen, überrascht es wenig, dass auch die (vorläufige) finale Version eine gewisse Reife besitzt. Und auch wenn es in manchen Ecken noch etwas seltsam riecht, scheint sich der weitere Sanierungsbedarf im Raubtiergehege in Grenzen zu halten. Was nicht heisst, dass Lion schon perfekt konditioniert und fit für kritische Dressur-Nummern ist.

Noch nicht ganz stubenrein
Für den Einsatz im Zirkus (täglicher Workflow) dürfte es in den meisten Fällen noch etwas zu früh sein, denn viele Software-Anbieter haben ihre Produkte noch nicht oder nur unzureichend an das neue OS angepasst. So tauchen z.B. nach der Installation von Lion längst nicht alle Anwendungen im Launchpad auf und nur die wenigsten Drittanbieter-Apps unterstützen bereits die neuen Features, wie den Vollbild-Modus. Ausserdem kommt es gelegentlich noch zu Zickereien um Spielzeug und Hinterlassenschaften anderer Tiere, was zu unvorhersehbaren Ergebnissen führen kann. Eine Liste mit Lion-kompatiblen Programmen findet sich bei RoaringApps.com.

Artgerechte Haltung und schonende Dressur in sicherer Umgebung empfohlen
Erfahrene Dompteure werden das junge Kätzchen deshalb zunächst im Käfig (gesonderte Festplatten-Partition) an die neue Umgebung gewöhnen, bevor sie es in freier Wildbahn von der Kette lassen. Vom sofortigen, ungeprobten Einsatz in der Manege ist jedenfalls abzuraten - auch wenn sich der Umstieg auf die neue Version für die meisten Anwender unproblematischer gestalten wird, als bei manchen früheren Upgrades.

Mehr Multitouch-Gesten
Apple hat Mac OS dem iOS ähnlicher gemacht. Das hat viele Vor- aber auch manche Nachteile. Zu den positiven Effekten gehört die erweiterte Gesten-Steuerung. Wo man früher erst umständlich auf dem Trackpad oder mit der Maus herumfuchteln musste, reicht nun häufig ein kurzer Wisch mit zwei oder drei Fingern. Viele Funktionen sind bereits von iPhone und iPad bekannt, aber auf dem Mac ergeben sich dadurch überraschend vielfältige, neue Möglichkeiten, die extrem nützlich sein können. In Systemeinstellungen / Trackpad werden die neuen Funktionen in kurzen Videos vorgestellt.

Apps im Vollbildmodus
Meiner Meinung nach ebenfalls eines der besten Lion-Features. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so häufig Gebrauch davon machen würde, doch hat man sich erstmal daran gewöhnt, ist das Arbeiten im Vollbildmodus bei vielen Anwendungen tatsächlich sehr viel angenehmer. Leider unterstützen derzeit nur wenige Apps diese Funktion.

Launchpad
Bei Apples neuem Programmstarter war es genau umgekehrt: Bei der ersten Vorstellung von Lion dachte ich, das wäre ein Killer-Feature, doch beim ersten Hands-on wurde schnell deutlich, dass ich das Launchpad nicht sehr oft benutzen werde. Andere User werden das bestimmt anders sehen, aber zu meinem Arbeitstil passt es einfach nicht. Es dauert schlicht zu lange, zum gewünschten Programm zu gelangen - zumindest, wenn man seine Apps in Ordnern organisiert. Denn ruft man das Launchpad auf, kehrt man stets zum letzten Stand der Dinge zurück. In der Regel ist das der zuletzt geöffnete Ordner. Ist das gesuchte Programm nicht darin, muss man den Ordner zunächst schliessen, den gewünschten anderen öffnen, dann die App suchen… Das ist ein Witz verglichen mit der Schnelligkeit, in der sich Programme mit Hilfe eines Ordners im Dock starten lassen, in dem sich - nach Kategorien sortiert - Aliases der Apps befinden. Für Nutzer, die ohne Launchpad-Ordner auskommen, mag das neue Feature eine willkommene Alternative darstellen.

Air Drop, Mission Control, Auto Save, Resume und Versions
Alles nette Zugaben, die genau so funktionieren, wie versprochen. Ich würde mir mehr Kontrolle über manche Einstellungen dieser Funktionen wünschen. Vermutlich wird Apple im Laufe der Zeit ein paar mehr Optionen einbauen, um den Rest werden sich bei Bedarf wohl Tools wie TinkerTool (System) usw. kümmern müssen.

Neue Mail.app
Ich würde gerne schreiben, dass ich das neue Mail Programm toll finde. Leider stimmt das nicht. Mail ist hässlich. Egal, ob in “klassischer” oder neuer Ansicht, die Benutzeroberfläche ist in lebhaftem Mausgrau gehalten und sieht furchtbar spiessig aus. Auch die neuen “Conversations” sind nicht gerade eine Augenweide. Das Einblenden der Kontaktbilder macht das Leben auch nicht bunter, da nicht vorhandene Fotos durch ein ebenfalls graues Phantombild gekennzeichnet sind. Funktional hat die Anwendung allerdings ordentlich zugelegt. Für viele Anwender werden die neuen Funktionen wichtiger sein, als das Design.

Neues iCal und Adressbuch
Ähnliches gilt für diese beiden Anwendungen. Apple hat an vielen Feinheiten gearbeitet und nützliche Details hinzugefügt. Das Design wurde aber meiner Meinung nach verschlimmbessert. Das Adressbuch ähnelt einem Desktop-Widget und iCal erhält einen gelben Ledereinband an der Oberseite. Die Apps haben nun den merkwürdigen “Bento-Chic”, der wohl vorwiegend amerikanische Geschmacksmuster bedienen soll. Schade, dass Apple hier nicht mehr Mut beweist. Statt sich zunehmend am kleinsten gemeinsamen Nennern zu orientieren, sollte die Firma innovativ sein und anspruchsvolles, modernes Design liefern. Ich finde die grafische Benutzeroberfläche in Lion insgesamt nicht ganz überzeugend. Zu viel blasses Grau und zu wenig Kontraste. Vieles sieht nun aus wie iTunes. Aber über Geschmack lässt sich ja bekanntermassen vortrefflich streiten.

Die Sache mit dem versteckten Home/Library-Ordner
Nach Apple-Angaben arbeitet man bereits seit 10 Jahren an Möglichkeiten, das klassische Dateisystem vor dem Anwender zu verbergen. Dokumente und andere Erzeugnisse sollen vorzugsweise in den Programmen abgespeichert werden, aus denen sie stammen. Auf iOS-Geräten hat man dieses Dogma einfach mal durchgesetzt - auch wenn die Lösungen nicht jedermann überzeugen. Als nächstes ist wohl der Mac dran. Den Anfang macht der berühmte Library-Ordner im Home-Verzeichnis. Erfahrene Mac-User sind es gewohnt, hier bei Bedarf Änderungen vorzunehmen, etwa durch das Auslagern grösserer Datensammlungen. Dieser Ordner ist in OS X 10.7 standardmässig unsichtbar. Er lässt sich durch den Terminal-Befehl chflags nohidden ~/Library aber wieder dauerhaft sichtbar machen.

Schattenseiten
Für viele Mac-User stellt OS X 10.7 einen Bruch mit zahlreichen, langjährigen Traditionen dar. Vor allem der Mac App Store ist vielen Anwendern und Entwicklern ein Dorn im Auge. Der stark zunehmende Trend, Software für den Mac (möglichst) nur noch über Apples Download-Laden zu vertreiben, stösst auf Kritik und Unbehagen. Dass sich nun nicht mehr nur Programmpakete wie Final Cut X, sondern auch das neue Betriebssytem - zumindest offiziell - ausschliesslich online laden und autorisieren lassen, ist für viele angestammte Kunden ein Unding.

Weitere Kritikpunkte
Die zunehmenden Bevormundung des Users und der schleichende Verlust der Kontrolle über den eigenen Rechner machen Mac-Anwendern zunehmend Sorgen. Apple hat mit der heimlichen Erfassung von Geodaten und der nicht weiter erklärten Auswertung von Kundeninformationen für sein Werbenetzwerk iAd und “befreundete Unternehmen” teils heftige Kritik eingesteckt. Apple hat darauf mit verbesserten Privatsphäre-Einstellungen in Lion reagiert. Ob dieser Schutz tatsächlich vor dem Ausspionieren schützt, ist ungewiss. Bei einem Teil der Anwender hält sich der (bisher durch nichts belegte) Verdacht, dass Lion die Data-Mining-Bestrebungen der Firma auf eine völlig neue Stufe stellen könnte. Bei einer weiteren, kleineren Gruppe von Kunden sorgt zudem die Nachricht für Unmut, dass es Lion keine mehr Unterstützung von PPC-Software gibt. Rosetta ist nicht mehr.

Braucht man OS X 10.7?
Antwort: Nein, nicht unbedingt. Aber man kann es durchaus gebrauchen. Neben den in der Werbung herausgestellten neuen Features hat Apple an unzähligen Stellen im System kleine Verbesserungen eingeführt, die das Upgrade insgesamt lohnenswert erscheinen lassen. Wer mit OS X 10.6 Snow Leopard zufrieden ist, und die neuen Features nicht gleich benötigt, kann sich aber getrost Zeit mit dem Umstieg lassen. Wer jetzt sofort umsteigt, sollte sich auf ein paar lästige Bugs und Glitches in Version 10.7.0 einstellen.

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Illustration: Apple Inc; Text: Thomas Landgraeber

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