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Weshalb mir Fanboys auf die Nerven gehen

RIPSteve

„Mit Steve Jobs hätte es das nicht gegeben!“ - Falsch!

Schwere Zeiten für Apple: Ärger mit dem iPhone 5 und Empörung wegen der fehlerhaften Karten-App. Die Kritik ist berechtigt, der Hohn verdient - aber muss man deshalb gleich hysterisch werden? Ein Kommentar.

Apple-Bashing wohin man blickt: Blogs, Online-News, Zeitungen, Radio- und TV-Sendungen - in diesen Tagen scheint einfach jeder eine feste Meinung über Apple zu haben. Das ist schon in Ordnung, schliesslich prahlt die Firma andauernd damit, „die besten Produkte der Welt“ zu erschaffen. Wenn die mit Lobpreisungen angekündigten Errungenschaften dann in der Praxis eklatante Mängel aufweisen, erntet man naturgemäss viel Hohn und Spott.

Das Problem ist nicht die Kritik an Apple, sondern die Art und Weise, wie darüber diskutiert wird - und damit meine ich nicht die Fandroids und Apple-Hasser, von denen man ohnehin wenig Sachdienliches erwartet. Mich stört vielmehr das Jammern und Wehklagen sogenannter Apple-Kenner und Über-Fanboys. Für sie hat der erneute Niedergang der Firma längst begonnen und der endgültige Untergang ist nur eine Frage der Zeit.

Ein Paradebeispiel ist das in vielen Berichten und Foren anzutreffende „unter Steve Jobs hätte es das nicht gegeben“. Der Satz soll suggerieren, dass während der Regentschaft des grossen Vorsitzenden keine halbfertige Betaware auf die Kunden losgelassen wurde - und überhaupt alles besser war. Doch das ist unrichtig.

Erinnert sich noch jemand an System 7.0 oder Mac OS X 10.0 Public Beta? An SuperDrive-zerstörende Firmware-Updates? .Mac und die Probleme beim Start von MobileMe? Die endlosen Nachbesserungen an den schwarzen und weissen MacBooks? Aperture 1.0? Das ewige Drama beim Einrichten von Airport-Netzwerken? iWork.com? An die kostenlosen Bumper für das iPhone 4? Die Aufzählung liesse sich noch um einiges verlängern.

Fakt ist, auch unter Steve Jobs wurden unausgegorene Produkte auf den Markt gebracht. Genau wie in der Gründerzeit des Unternehmens und in der Dekade ohne ihn. Und es wird auch in Zukunft so weitergehen. Warum? Weil sich Apple einem gnadenlosen Wettbewerb ausgesetzt sieht, der teilweise schon kriegsähnliche Merkmale aufweist und die Paranoia zu nähren scheint, man könnte einst den Status eines wichtigen Innovationsmotors verlieren.

Es ist nicht zu leugnen, dass Apple nach dem tragischen Ableben seines charismatischen Mitbegründers etwas unsicher zu agieren scheint. Die behutsame Erneuerung der Macbook-Baureihen und die langen Produktzyklen der iMacs zeugen von grosser Vorsicht im Umgang mit Neuheiten. Das iPhone 5 wirkt mit seinem länglichen Bildschirm wie ein Zugeständnis an den „Markt“, während die neuen iPod nano wie Konkurrenzprodukte aussehen.

Andererseits wird von Apple erwartet, andauernd neue Sensationen abzufeuern. Um die vergleichsweise hohen Preise zu rechtfertigen, müssen am laufenden Band Wunder geschaffen und Features der Wettbewerber übertroffen werden. Es ist illusorisch zu glauben, dass unter solchem Druck Produkte entstehen, die vom ersten Tag an perfekt funktionieren.

Kalifornische Äpfel sind oft nur verkleidete Bananen, die bekanntlich am besten beim Kunden reifen. Das weiss jeder, der schon ein paar Jahre die Produkte aus Cupertino nutzt. Deshalb ist es erstaunlich, dass sich selbst bekannte Grössen wie David Pogue von der New York Times nicht davor scheuen, in das „Mit-Steve-war-alles-besser“-Geschrei einzustimmen.

Kaum etwas ist schwerer zu ertragen, als die Litanei enttäuschter Fanboys - erst recht in Form von Leitartikeln führender Blogkönige und Meinungsmacher. Es ist sicher betrüblich festzustellen, dass die persönliche Lieblingsfirma fehlbar ist. Durch diese Phase geht jeder Apple-Fan irgendwann. Das Jobs’sche Realitätsstörfeld bricht vorübergehend zusammen und zum Vorschein kommt eine riesige Illusionsmaschine.

Der Magier ist weg und die Verheissungen strahlen nicht mehr so leuchtend. Manche scheinen das nur schwer zu verkraften.

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Bild: Apple Inc; Text: Thomas Landgraeber

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