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Die unglaubliche Geschichte vom verlorenen iPhone


Klingt unglaubwürdig: Ein Apple-Entwickler vergisst 30 km vom Apple-Campus entfernt - ausgerechnet in einer Bar und angeblich nach dem Genuss von deutschem Bier - einen äusserlich als iPhone 3G getarnten Prototypen des iPhones der nächsten Generation. Ein anderer Typ findet das Wunderding - und verkauft es für 5.000 US-Dollar an das Online-Magazin Gizmodo, das daraus eine Riesen-Story macht und ausführlich über Innenleben und neue Features berichtet. Natürlich schafft es diese Geschichte sofort in alle Nachrichten und kurz nachdem so gut wie jeder Interessierte auf dem Planeten eine eigene Meinung dazu hat, verlangt Apple das Gerät zurück. Ist das eine gute Story?

Immerhin scheint eines festzustehen: Bei dem gefundenen Exemplar handelt es sich wohl tatsächlich um ein Vorserien-Modell der vierten Generation des iPhones. Sonst hätte Apple es kaum mit solchem Nachdruck zurück verlangt. Experten gehen ferner davon aus, dass sich der Prototyp bereits in einem späten Entwicklungszustand befindet und weitestgehend dem finalen Produkt gleicht.

So führt z.B. John Gruber als Beweis die Beschriftung des iPhones an: „N90_DVT_GE4X_049“. Er meint, „N90“ sei der interne Codename für die nächste iPhone-Generation und „DVT“ stehe für „Design Verification Test“. Nach dem Design-Test gebe es für gewöhnlich keine grossen Änderungen mehr, also könnte es sich theoretisch um das neue iPhone handeln, das im Juni oder Juli auf den Markt kommen soll, so Gruber. Tatsächlich verfügt das Gerät über ziemlich genau die Features, die Fachleute für die nächste Generation erwarten. Und auch viele Fans halten das Gezeigte für authentisch. Viele hatten sich die nächste Modelle in etwa so vorgestellt.

Das Ding könnte also echt sein. Doch was ist das für eine abstruse Geschichte? Manche halten sie für so schlecht, dass eigentlich nur ein mehr oder weniger genialer Plan dahinter stecken kann. In Kommentaren und Diskussionsforen wird immer wieder der Verdacht geäussert, Apple selbst habe diese Räuberpistole inszeniert, um zu testen, wie das Publikum auf das Produkt reagiert. Sehen wir uns einmal die Fakten genauer an.

Mr. X hat das Gerät am besagten Tag also nicht an der Bar oder beim Manager des Lokals abgegeben, sondern mitgenommen. Wie Gizmodo berichtet, gab Mr. X an, er habe den Namen des Besitzers über die installierte Facebook-App erfahren, fand dann aber heraus, dass es sich nicht um ein normales iPhone handelte. Als er merkte, dass er womöglich einen Vorserien-Testmodell in Händen hielt, habe er versuchte, mit Apple Kontakt aufzunehmen - wurde aber angeblich nicht ernst genommen.

Fest steht dagegen nur, dass er es mehreren Personen angeboten hat. So berichtete beispielsweise Engadget bereits am Samstag über einen aufgetauchten Prototypen und zeigte erste Fotos, hielt sich aber mit Details zurück. Erst am Montag kam dann unerwartet Gizmodo, präsentierte Mr. X und brachte die komplette Story. Da das iPhone aber bereits am 18. März abhanden gekommen sein soll, ist es wohl eher unwahrscheinlich, dass es sich bei Finder und Verkäufer um ein und dieselbe Person handelt. Möglich auch, dass das Objekt durch mehrere Hände ging, bevor es durch Mr. fachgerecht vermarktet wurde.

Auch wenn wir nie erfahren sollten, wie sich die Sache wirklich abgespielt hat, so haben wir doch viel über eine Branche gelernt, die sich täglich von Apples Mythos und Geheimniskrämerei ernährt. Gemeint ist das Verhalten von Gizmodo. Nicht nur, dass man 5.000 Dollar für ein - möglicherweise auch gestohlenes - iPhone zahlt und die Vertraulichkeiten anderer Firmen heraus posaunt - man prahlt auch noch damit und ist sich nicht zu schade, den Entwickler - und einzigen wirklichen Verlierer bei der Geschichte - mit vollem Namen zu nennen und sein Facebook-Foto zu veröffentlichen.

Die Geschichte ist so gut, so glaubwürdig und so entlarvent, dass sie eigentlich nur von Apples Spin-Doktorenteam ersonnen worden sein kann. Andererseits: Könnte nicht vielleicht doch eines Tages ein müder, angetrunkener Entwickler einen wichtigen Gegenstand in einer deutschen Bar in Redwood City verlieren?

Update: Mittlerweile ist Gray Powell so bekannt, dass ihm die Lufthansa einen Gratis-Flug nach Deutschland anbietet.

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Quellen: Engadget, Gizmodo; Fotos: Gizmodo; Text: Thomas Landgraeber

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